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Zu Editorial 6/2011: Weinpäpstliches

Leserbriefe bis März 2012


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„Kann es sein, dass Sie als Ex-Katholik die Rolle des Papstes etwas überbewerten? Wobei ich gestehen muss, den Gedanken auch schon gehabt zu haben, wenn ich sehe, dass für manche Weine mit Ihrem Urteil geworben wird oder bei manchen Winzern in Piemont Merum neben dem Gambero Rosso aufliegt. Wobei das ja auch ein Stück weit ein Zeichen ist, dass Sie ernstgenommen und zur Umsatzsteigerung eingesetzt werden.

 

Wenn wir im Piemont sind, stellt sich mir immer die Frage, welche Winzer wir besuchen sollen, und dann sind die Merum-Degubox und Ihre Bewertungen schon eine Hilfe. Dies, weil ich weiß, dass wir bezüglich Nebbiolo und Barbera geschmacklich auf einer Linie liegen. Ähnlich geht es mir beim Grignolino, wo ich Ihre Begeisterung nachvollziehen kann und den ich ohne Merum wahrscheinlich nicht kennen gelernt hätte.

 

Es ist ja wirklich eine blöde Situation, bei einem Winzer zu sitzen, von dessen Weinen einem keiner schmeckt...

 

Anders ist es zum Beispiel beim Vernatsch, wo ich Ihr Urteil eher nicht nachvollziehen kann, aber ich habe auch in meinen beinahe 15 Jahren in Baden-Württemberg erst einen Trollinger gefunden, den ich trinkbar fand. Beim Lambrusco bin ich mir noch nicht so ganz sicher, werde aber die nächste Degubox dazu auf jeden Fall bestellen, um weiter zu experimentieren.

 

Insofern würde ich Sie eher in der Rolle jemandes sehen, dessen Urteil ernst genommen wird, und in meinen Augen haben Sie damit auch eine gewisse Macht oder auch Einfluss. Daher hat es mich auch gefreut, dass sie dem Barolo von Erbaluna, wo wir immer wohnen, wenn wir im Piemont sind, ein Herz gegeben haben (obwohl ich ihm mindestens zwei gegeben hätte).“

 

Marcus Manthey 


„Grundsätzlich finde ich ja, dass Sie und das Team von Merum eine hervorragende Arbeit leisten, Ihre Einstellungen eben auch ganz meinen Überzeugungen entsprechen, sonst hätte ich Ihre Zeitschrift nicht schon seit Jahren abonniert.

 

Bezugnehmend auf Ihr Editorial in Heft 6/2011 verstehe ich aber einfach nicht, wieso Sie sich immer wieder despektierlich über Robert Parker, denn dieser ist ja sicherlich gemeint, äußern müssen, dessen Wine Advocate ich seit über 15 Jahren lese – neben Merum meine einzige Weinfachzeitschrift.

 

Dadurch kann ich mir sicherlich ein Urteil über dessen Kompetenz und Seriosität sowie über dessen objektives Urteilsvermögen erlauben. Im Übrigen bezeichnet er Burgunder als die reizvollsten und aufregendsten Weine der Welt, gerade also das Gegenteil von überholzten Blockbustern von irgendwoher.

 

Weder habe ich von Parker je ein abschätziges Wort über einen seiner Kollegen gelesen (im Gegensatz dazu sehr viele seiner Kollegen über ihn, aber Neid muss man sich eben erarbeiten!) noch von einem Weinkonklave zur Ernennung als Weinpapst oder gar einer Selbstinthronisation mit Unfehlbarkeitsanspruch gehört. Hierbei handelt es sich eben um nicht sehr niveauvolles, weil schlecht recherchiertes Journalistengeschreibe, von vielen nachgeplappert.“

 

Gerhard Ostermaier, Freising

 

 

Lieber Herr Ostermaier,

ich danke Ihnen für diese Zeilen, die ein Thema betreffen, das solange aktuell bleibt, als es professionelle Weinverkoster und Weinbewertungen gibt. Gestatten Sie mir deshalb, dass ich mich von Ihnen zu zwei, drei Gedanken inspirieren lasse.

 

In Ihrem Schreiben verteidigen Sie ziemlich vehement einen Nicht-Angeklagten! Angenommen, ich hätte Herrn Parker eins auswischen wollen, dann hätte ich das getan, mit Namensnennung. Der Big Bob der Weinkritik ist sicher einer der einflussreichsten Weinpäpste auf dieser Welt, aber längst nicht der einzige. Davon gibts eine Menge. Auf die meisten von ihnen hören nur wenige, sie sind Päpste ohne Kirche, dafür mit Internetblog. Gerade für den italienischen Wein haben wir eine reiche Auswahl weniger bekannter und vieler unbedeutender Päpste. Herr Parker kommt uns hier eigentlich nicht groß in die Quere.

 

Sie haben sicher in einem Punkt Recht: Weinpäpste setzen sich nicht selbst ein, sondern sie werden gewählt, ihre Macht wird ihnen von den Weinhändlern und den Weinkunden verliehen. Sie sind das Weinkonklave zur Ernennung zum Weinpapst. Nur: Dafür kann der Parker natürlich nichts. Parker hat mehr Erfolg als andere, weil er besser ist. Nicht als Verkoster (meinen persönlichen Giftpfeil sollten Sie mir zugestehen), sondern als Vater eines Unternehmensmodells. Dies ist ein Verdienst, keine Übeltat.

 

Dass seine Bewertungen von den Weinhändlern etwas einfallslos als Verkaufsargument eingesetzt werden, ist ebenfalls nicht seine Schuld, sondern ein Erfolg, wenn auch ein unerwünschter. Denn im Jahr 2000 gab Parker in www.just-drinks.com bekannt: „Die Weinhändler auf der ganzen Welt benutzten meine Bewertungen, um ihren Wein zu verkaufen: Ich lehne dies kategorisch ab!“

 

Auf der anderen Seite ist seine Unternehmung zu einer öffentlichen Instanz geworden, welche die Weinwelt entscheidend beeinflusst. In dieser Position muss einer damit rechnen, dass er nicht nur von Neidern, sondern auch von Stimmen kritisiert wird, die seinem Einfluss negative Auswirkungen auf die Weinproduktion zuschreiben.

 

Parker hat seinen Unfehlbarkeitsanspruch in den letzten Jahren offenbar abgelegt. Heute steht auf seiner Webseite: „The indipendent Consumer’s Guide to Fine Wine.“ Als ich Parker das letzte Mal einen virtuellen Besuch abgestattet habe – zugegeben, das sind ein paar Jahre her – stand dies an derselben Stelle: „The ONLY REALLY independent guide to fine wine“.

 

Sie erkennen Herrn Parker in Ihrem Schreiben Objektivität zu. Nein, da bin ich dagegen! Parker können Sie Professionalität, Unabhängigkeit und andere positive Eigenschaften zuschreiben, aber nicht Objektivität. Er ist zwar Papst, aber immer noch ein menschliches Wesen. Und als solches besitzt auch Robert Parker (respektive die Mitarbeiter, die für ihn verkosten) eine Gabe nicht, die der Objektivität!

 

Neid: Ja, ich bin neidisch! Weshalb leugnen? Neid ist nichts anderes als Bewunderung, wenn auch mit Widerhaken… Lange hält der Neid dem Intellekt aber nicht stand. Es reichen ein paar analysierende Gedanken, und der Neid schwindet, macht Besorgnis Platz. Möchte ich so viel Macht und all die damit verbundene Verantwortung? Nein. Das möchte ich nicht. Ich schiebe die Verantwortung lieber den Lesern zu, indem ich die Subjektivität der Bewertungen in der Merum Selezione ohne Unterlass betone.

 

Meine Abneigung gegen die Weinpäpste schließt auch eine Portion Selbstkritik mit ein. Ich finde es ungut, wenn Leser aufgrund von Weinbewertungen Wein kaufen. Von Weinbewertungen kann man sich zwar inspirieren lassen, von den guten Wertungen, und warum nicht auch ab und zu von Verrissen? Wo aber Weinratingagenturen wie Merum oder Parker oder Gambero Rosso der weinigen Alleinglückseeligmache dienen, lehne ich das entschieden ab.

 

Ihr Andreas März

 

Merum - Die Zeitschrift für Wein und Olivenöl aus Italien

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